Wissen zu sexualisierter Gewalt

Überall da, wo Menschen miteinander in Beziehung treten, können Grenzverletzungen bzw. Formen sexualisierter Gewalt durch Erwachsene wie auch Kinder und Jugendliche vorkommen. Es ist entscheidend, damit bewusst, transparent und reflektiert umzugehen, um solche Fälle zu minimieren oder zu verhindern. Der folgende Text behandelt das Thema der sexualisierten Gewalt an Mädchen* und Jungen* durch Erwachsene ebenso wie die damit zusammenhängenden Fragen: Wer sind die Täter*innen sexualisierter Gewalt, und welche Gefährdungsrisiken gibt es für Mädchen* und Jungen*?

Fachliche Differenzierung (in Anlehnung an Enders/Kossatz)

A. Grenzverletzungen sind Verhaltensweisen, die die persönlichen Grenzen anderer Personen, ihre Gefühle und ihr Schamempfinden überschreiten. In der Regel sind sie unbeabsichtigt. Jeder Mensch hat das Recht zu bestimmen, wie viel Nähe er zwischen sich und anderen zulassen möchte. Grenzen können sich verändern, wenn sich Beziehungen zwischen Menschen wandeln. Die Faktoren für eine Grenzverletzung sind nicht immer objektiv zu fassen, sie hängen mit dem subjektiven Erleben jedes Einzelnen zusammen.

B. Sexuelle Übergriffe unterscheiden sich von unbeabsichtigten Grenzverletzungen durch die Massivität und/oder Häufigkeit. Sie geschehen im Gegensatz zu Grenzverletzungen fast nie zufällig, sondern resultieren aus fachlichen und persönlichen Defiziten heraus. Sie können Kindern und Jugendlichen sowohl körperlich als auch psychisch schaden.

C. Strafrechtlich relevante Formen sexualisierter Gewalt: Darunter werden sexuelle Nötigung, exhibitionistische Handlungen, Vergewaltigungen, sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und Schutzbefohlenen sowie das Ausstellen, die Herstellung, der Handel und der Eigenbesitz kinderpornografischer Produkte verstanden. Diese werden im 13. Abschnitt des Strafgesetzbuches unter den „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ benannt (gem. §§ 174 ff. StGB).

Sexualisierte Gewalt ist ein Phänomen, das einer klaren Sprache bedarf, um es greif- und damit bearbeitbar zu machen. Dies beginnt mit dem Begriff selbst, der sich aus der Fachwelt heraus als Alternative zum strafrechtlich derzeit noch gebräuchlichen Begriff des „sexuellen Missbrauchs“ entwickelt hat. Im Unterschied zum Missbrauchsbegriff markiert „sexualisierte Gewalt“ den Subjektstatus von Kindern und Jugendlichen, die nicht wie Objekte sexuell miss- und damit indirekt auch legitim gebraucht werden können. Diese Perspektive entzieht Täter*innen eine Rechtfertigungsstrategie für ihre Taten und weist deutlich deren Verantwortung als Gewaltausübende aus. Im Gegensatz zum Begriff „sexueller Missbrauch“ beschreibt der Terminus „sexualisierte Gewalt“ den Machtmissbrauch, der im Fokus steht, und distanziert sich dadurch von der gesellschaftlich immer noch weit verbreiteten Annahme, es handele sich meist um unkontrollierbare (männliche) sexuelle Triebe.

Inhaltlich ist als sexualisierte Gewalt „jede sexuelle Handlung [zu verstehen], die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann“ (Deegener 2010, S. 22).

Viele Grenzüberschreitungen finden im Arbeitsalltag unabsichtlich statt und sind unter der Rubrik „unprofessionelles Verhalten“ einzusortieren. Sexualisierte Gewalt hingegen wird nie spontan oder „aus Versehen“ verübt, sondern ist immer von langer Hand geplant!

Täter*innen

Die Täter sind zu ca. 85-90% männlich. Expert*innen gehen davon aus, dass der Anteil von Frauen bei ca. 10-15% liegt. Dabei werden Taten in erster Linie von Menschen begangen, die keine bzw. keine ausschließliche sexuelle Präferenz für Kinder (Pädophilie) bzw. Pubertierende (Hebephilie) haben. Täter*innen sind unterschiedlichen sozialen Schichten zugehörig, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Schätzungen zufolge kommen 50-75% aus dem nahen sozialen Umfeld der betroffenen Kinder und Jugendlichen. Häufig finden sich Täter*innen in der eigenen Familie wieder. Sexualisierte Gewalt findet auch in Einrichtungen statt, in denen wir Mädchen* und Jungen* scheinbar wohl aufgehoben fühlen.

Aufgrund der hohen Dunkelziffer sind verbindliche Aussagen über Häufigkeiten nicht möglich. Die Ergebnisse von Studien zur sexualisierten Gewalt an Kindern und Jugendlichen variieren nach der Definition von sexualisierter Gewalt, dem Studiendesign, der Stichprobe und auch der Informationsquelle. Für Fachkräfte sind diese Fakten letztlich nicht entscheidend. Wichtig ist die Tatsache, dass sie im Arbeitsalltag immer wieder Mädchen* und Jungen* begegnen werden, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Deswegen ist es erforderlich, sich mit der Thematik fachlich auseinanderzusetzen und eine professionelle Haltung zum Thema Nähe-Distanz zu entwickeln.


Gefährdungsrisiko von Mädchen* und Jungen*

Analog zum Mythos, dass ausschließlich Männer sexualisierte Gewalt ausüben, erweist sich auch die Vorstellung als unzutreffend, dass primär Mädchen* von dieser Gewaltform betroffen sind – vielmehr stellt sich das Geschlechterverhältnis der Betroffenen ausgeglichener dar als auf Seiten von Täter*innen. Betroffen sind zudem Jungen* und Mädchen* jeden Alters und Aussehens und jeder sozialen Schicht, denn nicht zuletzt hängt die Wahl der Betroffenen maßgeblich von den individuellen Präferenzen und Gelegenheitsstrukturen der Täter*innen ab. Ein erhöhtes Risiko besteht für Kinder und Jugendliche mit physischen, psychischen und kognitiven Einschränkungen oder ausgeprägten sozialen und emotionalen Bedürftigkeiten, die Täter*innen gezielt ausnutzen können. Rechtfertigungen, die Kindern und Jugendlichen eine (Teil-)Schuld an ihren Gewalterfahrungen zusprechen (z. B. im Bild der „Lolita“), sind vor dem Hintergrund des Entwicklungs- und Machtgefälles klar zurückzuweisen: Erwachsene sind für ihr Handeln verantwortlich – und damit auch für von ihnen ausgeübte sexualisierte Gewalt.

Quellen:
Deegener, Günther: Kindesmissbrauch. Erkennen – helfen – vorbeugen. 5. komplett überarb. Aufl., Weinheim & Basel 2010
Enders, Ursula/Kossatz, Yücel: Grenzverletzung, sexueller Übergriff oder sexueller Missbrauch? In: Enders, Ursula: Grenzen achten: Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen. Ein Handbuch für die Praxis. 1. Aufl., Köln 2012, S. 30-53


Grenzverletzungen und sexualisierte Gewalt durch Kinder und Jugendliche

Auch Kinder und Jugendliche können sexualisierte Gewalt aneinander verüben. Wann sexualisierte Handlungen hier als unzulässig zu betrachten sind und was in dieser Hinsicht zu beachten ist, lesen Sie in der Folge.

Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt werden nicht nur durch Erwachsene an Kindern und Jugendlichen verübt, sondern auch durch andere Kinder und Jugendliche. Diese Konstellationen sind in den letzten Jahren insbesondere in Verbindung mit den Kontexten Schule und (soziale) Medien verstärkt in den Fokus von wissenschaftlicher und pädagogischer Praxis gerückt. Sie sind jedoch überall dort ein potenzielles Thema, wo Kinder und Jugendliche einander analog oder digital begegnen. Gerade im digitalen Raum ist es dabei nicht zwangsläufig der Fall, dass Kinder und Jugendliche in sozialen Beziehungen zueinander stehen – auch aus diesem Grund erweist sich der gängige Begriff der „Peer-Gewalt“ als nicht hinreichend präzise.

Wann sind sexualisierte Kontakte unzulässig?

Sexualisierte Kontakte von Erwachsenen mit Kindern bzw. Jugendlichen lassen sich aufgrund der immanenten Alters-, Macht-bzw. Entwicklungsdifferenz – auch vor dem Hintergrund der zusammenhängenden Rechtslage –  eindeutig als unzulässig klassifizieren. Die Beurteilung vergleichbarer Kontakte durch Kinder und Jugendliche in Abhängigkeit von den Alters- bzw. Entwicklungsphasen und sozialen Beziehungen der Beteiligten stellt sich dagegen komplexer dar. So steht etwa kindlichem Explorationsverhalten in Form von Körpererkundungsspielen („Doktorspielen“) und Ähnlichem ebenso wenig entgegen wie einvernehmlichen sexuellen Handlungen zwischen Jugendlichen. Grenzüberschreitend werden diese und andere Praktiken dann, wenn sie gegen den Willen vollzogen werden oder beteiligte Kinder bzw. Jugendliche aufgrund von Alters- bzw. Entwicklungs- oder Machtgefällen nicht im Stande sind, frei und im Bewusstsein um das Geschehen einzuwilligen. Dabei können die Übergänge zwischen einvernehmlichen Handlungen zur Überschreitung von Grenzen fließend sein. Beispiele für Grenzüberschreitungen sind etwa sexualisierte Beleidigungen, das unerwünschte Zeigen oder Berühren von Geschlechtsteilen, das Aufzwingen von Küssen, das Erzwingen oder ungefragte Weiterleiten intimer bzw. pornographischer Bilder und Videos. Beratungsstellen können vor diesem Hintergrund Fachkräfte bei der Beurteilung von Situationen unterstützen.

Ab wann Grenzüberschreitungen als sexualisierte Gewalt gekennzeichnet werden müssen, hängt ab von:

  • deren Intensität,
  • dem Alters- und Entwicklungsstand der Beteiligten bzw. Betroffenen,
  • der Intentionalität des Kindes bzw. der*des Jugendlichen, die*der mit seinem Handeln eine Grenze überschreitet.

Stigmatisierungen vorbeugen

Grundsätzlich hat sich in Fachkreisen im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen außerhalb des strafrechtlichen Kontexts die Rede von „grenzüberschreitenden/übergriffigen“ und „betroffenen“ Kindern bzw. Jugendlichen etabliert. Diese beugt durch den Verzicht auf die Label „Täter*in“ und „Opfer“ damit verbundenen Stigmatisierungen vor und schafft gleichzeitig Raum dafür, auch grenzüberschreitende bzw. gewaltausübende Kinder bzw. Jugendliche trotz Anerkennung der Folgen für Betroffene als hilfebedürftig zu begreifen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass – entgegen des verbreiteten Glaubens – die Ausübung sexualisierter Gewalt nicht zwangsläufig auf eigene Gewalterfahrungen hindeutet.

Pädagogisches Handeln gefragt

Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt durch Kinder und Jugendliche stellen grundsätzlich einen pädagogischen Handlungsanlass dar, der durch Fachkräfte und/oder Eltern zeitnah und zielgerichtet adressiert werden sollte. Die Maßgabe besteht darin, dass betroffene Kinder und Jugendliche bei der Bearbeitung ihrer Erfahrungen (professionell) unterstützt und grenzüberschreitende Kinder und Jugendliche zur Einsicht und Verhaltensänderung befähigt werden. Sexualpädagogische Ansätze helfen auch präventiv dabei, den Umgang mit eigenen und fremden Grenzen zu erlernen. Zudem stellen positive Bindungen zu Gleichaltrigen eine wichtige Ressource da, die es unter anderem Betroffenen erleichtert, sich mit ihren Gewalterfahrungen anzuvertrauen („Disclosure“), ehe diese ggf. mit Erwachsenen geteilt werden.

Prävention

Prävention von sexualisierter Gewalt hat zahlreiche Facetten und muss bei verschiedenen Personengruppen und auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen.

Prävention kann viel und Prävention ist vielfältig. Ein Schwerpunkt präventiven Agierens liegt darin, Mädchen* und Jungen* zu befähigen, ihre Gefühle und ihre Grenzen wahrzunehmen sowie sie für die Grenzen anderer zu sensibilisieren. Prävention unterstützt Kinder und Jugendliche darin, ihr Gefühlsspektrum zu erweitern und ihren Eigensinn wahrzunehmen. Sie macht ihnen Mut, ihre Grenzen nach außen zu vertreten – auch gegenüber Erwachsenen – und sich Unterstützung zu holen, wenn sie nicht weiterwissen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass sich Prävention nicht ausschließlich an Kinder richtet. Wir Erwachsenen sind vorrangig für den Schutz von Kindern und Jugendlichen zuständig. Prävention bedeutet Aufklärung und Wissen für Erwachsene. Das Zutagetreten von sexualisierter Gewalt in organisationalen Kontexten, in Kindertagesstätten, Schulen, Vereinen und Verbänden hat uns verdeutlicht, dass wir noch lange nicht genug tun, um Kinder und Jugendliche in ihrer jeweiligen Lebenswelt ausreichend zu schützen.

Auseinandersetzung mit Stereotypen

Zur Prävention gehört es, sich mit unseren Stereotypen, mit unseren Denk- und Handlungsmustern auseinanderzusetzen, die unsere pädagogische Praxis prägen, und Mythen freizulegen, die sich um das Thema ranken. So ist es neben der weit verbreiteten falschen Annahme, dass hauptsächlich fremde Männer sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen ausüben, auch Fakt, dass Frauen als Täterinnen bei uns kaum oder gar nicht ins Blickfeld geraten. Frauen wird in der Regel in der Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen, also im pädagogischen Alltag, viel mehr an Handlungen, die körperliche Nähe mit sich bringen können, zugestanden als Männern. Der Mythos der „guten Mutter“ sitzt tief und dass auch Frauen Gewalt ausüben, lässt sich nur schwer mit unserem Bild der vermeintlichen weiblichen Fürsorglichkeit und Sanftheit vereinbaren. Wir Erwachsenen sind dazu angehalten, unsere Vorstellungen von Weiblich- und Männlichkeiten zu überprüfen, um Interaktionen zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und Erwachsenen in professionellen Kontexten angemessen bewerten zu können.

Querschnittlich zu den beschriebenen Dimensionen von Prävention und darüber hinaus bedeutet präventives Arbeiten auch, Sexismus in Gesellschaftsstruktur und Sprache entschieden entgegenzutreten. Dies gilt zum Beispiel für sexistische Diskriminierungen als Form der Abwertung von Mädchen* und für das Bild des „starken Mannes“, unter dem Jungen* keine Schwäche zeigen dürfen – beides Aspekte, die den Strategien von Täter*innen in die Hände spielen können.

Wissen schafft Sicherheit

Eltern und Fachkräfte benötigen Wissen über Strategien von Täter*innen, denn: Sexualisierte Gewalt geschieht nie spontan, sondern ist immer eine gut geplante Tat. Täter*innen verfügen über zahlreiche Strategien, um unentdeckt zu bleiben. Sie manipulieren über einen längeren Zeitraum Menschen in ihrem sozialen Umfeld und bereiten die Tat strategisch vor. Der sogenannte Grooming-Prozess beinhaltet, dass Täter*innen das Schamempfinden von Kindern und Jugendlichen sukzessive zu erweitern versuchen. Mädchen* und Jungen*, die um ihre Grenzen und Rechte wissen, werden sich eher anvertrauen, wenn sie ein unangenehmes Gefühl haben. Dazu gehört auch eine erlernte Sprachfähigkeit in sexuellen Dingen und die explizite Erlaubnis, darüber zu reden.

Prävention muss auf struktureller, räumlicher und pädagogischer Ebene in einer Einrichtung verankert werden. Deswegen ist es so wichtig, dass Institutionen ein Schutzkonzept mit vielen verschiedenen Bausteinen entwickeln, um ihre Einrichtung für Mädchen* und Jungen* sicher zu gestalten. Leitung und Mitarbeiter*innen einer Einrichtung, in der sich Kinder und Jugendliche aufhalten, haben die Verantwortung, Kinder und Jugendliche zu schützen und in der Wahrnehmung und Durchsetzung ihrer subjektiven Grenzen zu stärken. Gleichzeitig müssen sie Täter*innen durch Intervention und Sanktion Grenzen setzen. Für Betroffene ist der letzte Punkt besonders wichtig, weil er zeigt, wo die Verantwortlichkeit liegt: nämlich beim Erwachsenen, der die Grenzverletzung bzw. sexualisierte Gewalt verübt hat.


Sexuelle Bildung

Sexuelle Bildung ist vielseitig und kann in einem erheblichen Maße dazu beitragen, Mädchen* und Jungen* vor sexualisierter Gewalt zu schützen.

Ein zentraler Baustein der Prävention von sexualisierter Gewalt ist die Sexuelle Bildung. Die Wichtigkeit der Thematik und die Verbindung beider Komplexe wird oftmals nicht ausreichend mitgedacht. Der Umgang von Kindern und Jugendlichen mit dem eigenen sexuellen Erleben, dem eigenen Körper und die verbale wie mediale Kommunikation darüber können in erheblichem Maße zu ihrem Schutz oder gegenteilig zu ihrer Vulnerabilität beitragen.

Mädchen* und Jungen* sind insbesondere dann durch sexualisierte Gewalt gefährdet, wenn sie auf ihre Fragen zur Sexualität und zu ihrem Körper keine altersangemessenen oder überhaupt keine Informationen erhalten.

Sexualfreundliche Erziehung gewährleisten

Mit einer sexualfreundlichen Erziehung können Kinder und Jugendliche lernen, eigene Grenzen und die anderer Mädchen* und Jungen* sowie Erwachsener kennenzulernen und zu respektieren. Dass dadurch die sexuelle Aktivität von Kindern verstärkt werde, ist ein Irrglaube. Mädchen* und Jungen* sind von Natur aus neugierig und entdecken ihre Welt. Sie brauchen dabei keine Erwachsenen, die alles wissen. Aber sie wünschen sich Bezugspersonen, die ihren Fragen offen begegnen und einen Raum für alle Themen ihrer Lebenswelt schaffen.

Wichtige Aspekte der Prävention von sexualisierter Gewalt sind z.B:

  • die Stärkung des kindlichen Selbstwertgefühls

  • die Selbstbestimmung über den eigenen Körper
  • die Wahrnehmung eigener Emotionen
  • die Wertschätzung des eigenen Körpers
  • das Vertrauen in eigene Gefühle
  • das Kennenlernen von Grenzen
  • die Bedeutung der kindlichen sexuellen Entwicklung in den Blick zu nehmen
  • den informierten und bewussten Umgang mit medialen Selbstdarstellungen
Der Mensch ist von Geburt an ein sexuelles Wesen. Die psychosexuelle Entwicklung von Kindern ist genauso wichtig wie ihre körperliche, kognitive, emotionale und soziale Entwicklung, bei der Eltern und Erzieher*innen idealerweise auch im regelmäßigen Austausch miteinander stehen. Es geht dabei um Lernprozesse und um zwischenmenschliche Beziehungen, die begleitet werden wollen. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist sexuelle Gesundheit untrennbar mit Gesundheit insgesamt, Wohlbefinden und Lebensqualität verknüpft (vgl. WHO 2011). Dies bedeutet aber auch, dass Kinder Sexuelles beschäftigt, sie sich darin ausprobieren, Neues adaptieren oder verwerfen, Fragen stellen. Und es heißt, dass sie ab und an auch Unterstützung benötigen, weil sie in Situationen geraten können, für die selbst wir Erwachsene oftmals keine Blaupause haben.
„Kinder von Geburt an als sexuelle Wesen anzuerkennen, bedeutet auch, den Mythos vom angeblich ‚unschuldigen‘ bzw. ‚reinen‘ Kind aufzugeben. Die Vorstellung, dass Kinder unbelastet von sexuellen Empfindungen, Gedanken und Handlungen aufwachsen könnten, ist eine realitätsferne Fiktion, die Kindern nicht gerecht wird und ihnen sogar Schaden zufügen kann.“ (Maywald 2018, S. 19)

Das heißt, dass Sexuelle Bildung in der frühen Kindheit Einzug in die Lebenswelt von Mädchen* und Jungen* erhalten sollte. Prävention beginnt hier! Im Elternhaus, in der Kindertagesstätte, bei Tagesmüttern und -vätern und in der Schule.

Sexuelle Bildung umfasst dabei mehr als Informationen zu geschlechtlicher Körperfunktion, Schwangerschaft und Geburt. Es geht um eine kind- und altersgemäße Sexualerziehung, die Mädchen* und Jungen* von Geburt an in ihrer individuellen Persönlichkeit stärkt.

Quellen:
Maywald, Jörg: Sexualpädagogik in der Kita. 3. überarb. Ed., Freiburg/Basel/Wien 2018, S.19
https://www.euro.who.int/de/health-topics/Life-stages/sexual-and-reproductive-health/news/news/2011/06/sexual-health-throughout-life/definition


Schutzkonzepte

Schutzkonzepte für Einrichtungen nehmen viele Ebenen und Personengruppen in den Fokus. Ihre Bausteine tragen dazu bei, den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt zu erhöhen.

Wir wissen aus der pädagogischen Praxis und der Wissenschaft, dass es Einrichtungen gibt, die für potentielle Täter*innen attraktiv erscheinen. Sie suchen sich Einrichtungen mit guten Gelegenheitsstrukturen. Das sind in erster Linie alle Orte und Einrichtungen, in denen sich viele Kinder und Jugendliche aufhalten. Vor allem Einrichtungen, die bestimmte Merkmale aufweisen – z. B. starke Abgrenzung nach außen, autoritäre Struktur, fehlende fachliche Standards, Gewaltkultur, Missachtung der Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, Unterdrückung sexueller Themen – scheinen für Täter*innen attraktiv zu sein. Dies gilt insbesondere dann, wenn sexualisierte Gewalt „kein Thema“ ist und nicht aktiv, etwa im Rahmen von Schutzkonzepten, aufgegriffen wird.

Warum Schutzkonzepte?

Die Implementierung von Schutzkonzepten in allen Einrichtungen, die professionell mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten, wird schon seit langem gefordert. Unter einem Schutzkonzept versteht man verschiedene Puzzleteile oder Bausteine, die dazu beitragen, den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt zu erhöhen. Alle Bausteine eines Schutzkonzeptes können, wenn sie fest verankert wurden und entsprechend in die Öffentlichkeit getragen werden, auf Täter*innen eine abschreckende Wirkung haben. Die Aussage allen Handelns im Sinne des Kinderschutzes ist: „Wir wissen, wie Täter*innen agieren, und setzen uns für den Schutz unserer Kinder und Jugendlichen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mittel ein.“ Die Bausteine machen es zudem Täter*innen schwerer, unentdeckt zu bleiben.

Schutzkonzepte sind recht umfassend und erfordern Ausdauer und Expertise. Es ist ein Prozess, der sich lange hinziehen und viel Geduld erfordern kann. Und dieser Prozess kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten einer Einrichtung – Leitung, Mitarbeitende, Kinder und Jugendliche – daran mitwirken, das Schutzkonzept mit Leben zu füllen.

Dies können Einrichtungen nicht alleine leisten. Hier sind Menschen gefragt, die im Bereich der Sexuellen Bildung und Prävention von sexualisierter Gewalt versiert sind, die bei der Implementierung von Kinderschutzkonzepten mitwirken, Mut machen, Ausdauer und Haltung zeigen und vor allem auch mit Freude dabei sind.

Die Landesfachstelle sieht sich als zentrale Ansprechpartnerin für Dachverbände für Fragen von Schutzkonzepten und wird dazu entsprechende regionale Schulungen sowie Beratungen in digitaler Form anbieten. Der Fokus liegt auf der Weitergabe von Wissen darüber, warum ein solches Konzept so wichtig ist, was es genau beinhaltet, wie es wirkt und welche Unterstützung für eine Umsetzung notwendig ist. Örtlichen Träger*innen wird die PsG.nrw bedarfsgerecht regionalspezifische Angebote vermitteln.


Intervention

Wie lässt sich sexualisierte Gewalt erkennen und durchbrechen? Was muss dabei berücksichtigt werden?

Trotz umfassender präventiver Bemühungen können nicht alle sexualisierten Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche verhindert werden – umso wichtiger ist es, Gewaltdynamiken frühzeitig und gezielt zu durchbrechen.

Hierzu bedarf es zunächst der sensiblen Wahrnehmung von Anhaltspunkten, insbesondere von Hinweisen und Aussagen des Kindes bzw. der*des Jugendlichen, aber auch von Aussagen Dritter oder von Beobachtungen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Betroffene keine einheitlichen Verhaltensweisen zeigen, die zweifelsfrei auf sexualisierte Gewalterfahrungen hindeuten, da die individuelle Verarbeitung solcher Erlebnisse höchst unterschiedlich verläuft.

Die Gesamtbewertung aller Anhaltspunkte bildet die Grundlage jedweder Intervention, die je nach Fallkonstellationen insbesondere durch bzw. mit Unterstützung des Jugendamts erfolgen sollte. Auch die Hinzuziehung von Strafverfolgungsbehörden (Polizei, Staatsanwaltschaft) kommt im Zuge von Interventionen in Betracht, jedoch sollte darüber gemeinsam mit bzw. im Sinne der Betroffenen entschieden werden, um deren Willen bzw. Wohl in den Mittelpunkt zu stellen – anders also, als sie es in der sexualisierten Gewalterfahrung erlebt haben. Zudem können die teils langwierigen Ermittlungen und Verfahren als erheblich belastend, sogar (re-)traumatisierend erlebt werden. Aus diesen Gründen gibt es in Deutschland keine Pflicht zur Anzeige von Straftaten durch sexualisierte Gewalt. Vorrangig ist der Schutz vor weiteren Gewalttaten und die Nachsorge für Betroffene.

Grundsätzlich gilt, dass Interventionsverläufe auch und gerade in unsicheren und hoch emotionalisierten Situationen planvoll und in Abstimmung aller relevanten Beteiligen vorbereitet und umgesetzt werden sollten. Breite Unterstützung für Kinder, Jugendliche, Eltern, Privatpersonen und Fachkräfte leisten dabei einschlägige Fachberatungsstellen. Je nach Berufsfeld müssen bzw. können sich alle Personen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, durch sogenannte Kinderschutzfachkräfte („insoweit erfahrene Fachkraft“ nach §§ 8a, 8b SGB VIII, § 4 KKG) anonymisiert beraten lassen. Auch die örtlichen Jugendämter leisten qualifizierte Beratung, auf Wunsch ebenfalls anonym im Vorfeld der formellen Meldung eines Gefährdungsverdachts.


Nachsorge

Das Erleben von sexualisierter Gewalt ist insbesondere für betroffene Kinder und Jugendliche, aber auch für deren indirekt betroffenes Umfeld mit potenziell erheblichen Belastungen verbunden – diesen gilt es im Anschluss an Interventionen zur Beendigung von Gewaltdynamiken zeitnah durch passgenaue Unterstützungsmaßnahmen zu begegnen.

Je nach individuellem Bedarf und Bedürfnis des Kindes oder Jugendlichen muss dies nicht zwangsläufig die Inanspruchnahme professioneller Hilfemaßnahmen bedeuten, sondern kann zunächst ein offenes Ohr und eine sensible Begleitung durch jemand Nahestehenden sein. Ist das nicht ausreichend, so leisten Fachberatungsstellen für sexualisierte Gewalt punktuelle oder phasenweise Beratung für Betroffene und deren Bezugspersonen und können zudem, sofern Betroffene nicht den direkten Weg dorthin suchen, psychotherapeutische Hilfen vermitteln. Fachkräfte können als Einzelpersonen oder in Teams häufig ebenfalls auf Fachberatungsstellen und zudem auf Supervisor*innen zurückgreifen. Dort, wo sexualisierte Gewalt in organisationalen Kontexten – Vereine, Schulen, Wohngruppen etc. – verübt wurde, bedarf es zudem eines Aufarbeitungsprozesses. Dieser muss den Entstehungsprozess analysieren und vor diesem Hintergrund gezielte (Weiter-)Entwicklungsprozesse auf den Weg bringen, um Kinder und Jugendliche zukünftig besser zu schützen. Solche Prozesse bedürfen einer externen Begleitung, die neben den genannten Akteur*innen auch durch qualifizierte Organisationsberater*innen erfolgen kann.

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