Baustein 7: Intervention

Damit intervenierender Kinder- und Jugendschutz gelingen kann, sind klar strukturierte und konkrete Verfahrensschritte erforderlich. Dafür muss es einen kollegialen und ggf. interdisziplinären Austausch und ein planmäßiges und abgestimmtes Vorgehen geben. Intervention und wirksame Beschwerdeverfahren sind eng miteinander verschränkt; mehr zu Letzteren finden Sie im Baustein 5: Prävention – Umgang mit Kindern und Jugendlichen. 

Bei einem Vorfall dient der Interventionsleitfaden als Handlungsleitfaden für die Verantwortlichen. Er muss allen Mitarbeitenden bekannt sein und von allen beachtet werden. Der Leitfaden regelt verbindlich das Vorgehen in Fällen von Vermutung auf sexualisierte Gewalt.

Für das Vorgehen gelten dabei die folgenden wichtigen Grundsätze:

  • Jede*r weiß, was im Fall der Fälle zu tun ist, und handelt nach dem Interventionsleitfaden.
  • Niemand schaut weg. Alle gehen Vermutungen oder Beobachtungen von Gefährdungen aktiv nach.
  • Dabei sind Ruhe und Besonnenheit entscheidend; unüberlegte Reaktionen müssen unbedingt vermieden werden. Sie können beispielsweise dazu führen, dass Täter*innen die Möglichkeit haben, die Betroffenen unter Druck zu setzen und eine Klärung zu verhindern.

Wichtig ist im Kinder- und Jugendschutz eine ausreichende Vernetzung. Wer ist im Falle einer Gefährdung eines Kindes oder eine*r Jugendlichen anzusprechen? Hier werden die konkreten internen und externen Anlaufstellen und Ansprechpersonen aufgelistet, wie z.B. das kommunale Jugendamt, die regionale Fachberatungsstelle für sexualisierte Gewalt, Kinderschutzambulanzen, das Hilfetelefon sexueller Missbrauch etc.

Der Interventionsleitfaden

Der Interventionsleitfaden beinhaltet klar aufeinander aufbauende Schritte, die allen Mitarbeitenden bekannt sind.

Es kann zwischen drei Arten von Fallkonstellationen unterschieden werden, die unterschiedliche Handlungsleitfäden benötigen:

Gefährdungssituationen innerhalb der eigenen Einrichtung

–  sexualisierte Gewalt, die durch beruflich oder ehrenamtlich Mitarbeitende begangen wird

–  sexuell grenzverletzendes Verhalten durch Kinder und Jugendliche

Gefährdungssituationen im familiären oder sozialen Kontext

–  sexualisierte Gewalt, von der Schutzbefohlene in der Organisation berichten, die aber außerhalb stattgefunden hat oder stattfindet (geregeltes Verfahren nach § 8 a SGB VIII)

Damit Mitarbeitende und ehrenamtlich Tätige in Ihrer Organisation wissen, was im Falle einer (vermuteten) Gefährdung eines jungen Menschen zu tun ist, braucht die Organisation einen Plan, in dem konkrete Handlungsschritte festgelegt sind.

>> Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten sind im Interventionsleitfaden geregelt. Die Verantwortlichen sind benannt. Ein Interventionsteam wird empfohlen.

>> Das Vorgehen im Krisenfall ist festgelegt. Entsprechend der Art der Meldung gibt es einen speziellen Handlungsplan.

>> Der Interventionsleitfaden muss auch Handlungssicherheit bei sexualisierter Gewalt im digitalen Raum geben.

>> Es kommt zeitnah zu einer Klärung der Vermutung.

>> Der Schutz von Betroffenen wird schnellstmöglich sichergestellt.

>> Arbeitsrechtliches Handeln bei begründetem Verdacht kann greifen.

>> Angemessene Hilfsangebote für alle Beteiligten werden aktiviert.

>> Es erfolgt eine Dokumentation nach internen Vorgaben; auch bei Vorfällen im digitalen Raum.

>> Nach der Intervention entsprechend dem Interventionsplan muss immer eine Aufarbeitung und gegebenenfalls eine Rehabilitierung erfolgen.

Exkurs: Sexuelle Übergriffe durch Kinder und Jugendliche 

Sexuelle Übergriffe durch Gleichaltrige können überall stattfinden: z. B. im Freundeskreis, in Partnerschaften, in der Schule, im digitalen Raum und auch in Einrichtungen und Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe.

Voraussetzung für eine Einschätzung und passende pädagogische Intervention seitens der Mitarbeitenden ist die Unterscheidung zwischen altersangemessener sexueller Aktivität und sexuellen Übergriffen.

Um sexuelle Verhaltensweisen unter Gleichaltrigen einordnen zu können, muss immer der Kontext, die Interaktionsdynamik und der Entwicklungsstand junger Menschen berücksichtigt werden. Zentrale Kriterien, die auf sexuelle Übergriffe hindeuten, sind Unfreiwilligkeit, Zwang und das Ausnutzen eines ungleichen Machtverhältnisses. Ein ungleiches Machtverhältnis kann unter anderem aufgrund von Altersunterschieden, körperlicher Kraft, Abhängigkeiten, kognitiver Entwicklung oder sozialem Status entstehen.

Sexuelle Übergriffe durch Gleichaltrige können auch im digitalen Raum stattfinden, wie z. B. nicht-einvernehmliches Verbreiten sexuell expliziter Bilder oder Videos.

Weil das Erleben der eigenen Sexualität und das Austesten von Grenzen in der Phase des Heranwachsens zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben dazugehören kann, ist es für Jugendliche nicht immer einfach, die Grenzen klar zu kennen und dann auch zu kommunizieren. Die emotionalen Befindlichkeiten aller Beteiligten müssen im Blick behalten werden – die des*der betroffenen Kindes/Jugendlichen an erster Stelle, aber auch die des*der übergriffigen Kindes/Jugendlichen und der beteiligten Peers. Um handlungsfähig zu bleiben, sind ein sexualpädagogisches Konzept und die Verankerung des Themas sexuelle Bildung im Schutzkonzept hilfreich. Es braucht fortgebildete Mitarbeitende und einen eigenen Interventionsplan für diese Situationen. Einen beispielhaften Interventionsplan finden Sie in der u. g. Arbeitshilfe des Paritätischen Jugendwerks und des ISA auf S. 24.

Literatur- und Materialempfehlungen

Allroggen, Marc:  Sexuelle Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen. In: Fegert Jörg M. u.a.: Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch. Springer: Heidelberg 2015.

Amyna e.V. (Hrsg.): „War doch nur Spaß…?“ Sexuelle Übergriffe durch Jugendliche verhindern. München 2014.

Evangelische Kirche im Rheinland (Hrsg.): Schutzkonzepte Praktisch 2021. Ein Handlungsleitfaden zur Erstellung von Schutzkonzepten in Kirchengemeinden und Kirchenkreisen zur Prävention sexualisierter Gewalt. Düsseldorf 2021.

Landesstelle Jugendschutz Niedersachen (Hrsg.): Grenzgebiete – Sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen. Eine Arbeitshilfe. Hannover 2017.

Paritätisches Jugendwerk NRW (Hrsg.) und ISA (Institut für soziale Arbeit e.V., inhaltliche Ausarbeitung): Schutzkonzepte für die Kinder- und Jugendarbeit. Arbeitshilfe. Wuppertal 2021.

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