Baustein 1: Gemeinsame Haltungen finden

Rechte- und Schutzkonzepte sind recht umfassend und erfordern Ausdauer und Expertise. Es ist ein Prozess, der sich lange hinziehen und viel Geduld erfordern kann. Und dieser Prozess kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten einer Einrichtung – Leitung, Mitarbeitende, Kinder und Jugendliche – daran mitwirken, das Konzept mit Leben zu füllen.

Dies können Einrichtungen nicht alleine leisten. Hier sind Menschen gefragt, die im Bereich der Sexuellen Bildung und Prävention von sexualisierter Gewalt versiert sind, die bei der Implementierung von Kinderschutzkonzepten mitwirken, Mut machen, Ausdauer und Haltung zeigen und vor allem auch mit Freude dabei sind.

Vor der Erstellung eines Rechte- und Schutzkonzeptes

Bevor Organisationen in den Entwicklungsprozess einsteigen,

  • muss es für die Mitarbeitenden eine Sensibilisierungsphase geben,
  • müssen sich die Mitarbeitenden Fachwissen zur Prävention sexualisierter Gewalt und zur sexuellen Entwicklung, insbesondere zu kindlicher Sexualität und Jugendsexualität, aneignen,
  • muss in den einzelnen Teams bzw. Gremien ein Diskurs über Sexualität, sexualisierte Gewalt, Machtstrukturen und gewaltförmige Praxen stattfinden,
  • müssen persönliche Haltungen zu Sexualität und Geschlechterrollen reflektiert werden,
  • müssen gemeinsame Positionen gefunden werden zum Umgang mit den Kindern, den Jugendlichen, den Eltern, den Mitarbeitenden und Kolleg*innen.

Prinzipien

Die folgenden Prinzipien (die „3 Ps“ der UN Kinderrechtskonvention) sollten in der Organisation immer beachtet werden:  

Provision/Befähigung:

Werden Kinder und Jugendliche gebildet (zum Beispiel durch altersgerechte Sexualpädagogik), informiert (zum Beispiel über ihre Rechte) und gehört (zum Beispiel ihre Beschwerden)?

Hier geht es also um Aufklärung, Information und Beschwerdemöglichkeiten. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf freie Meinungsäußerung und auf freien Zugang zu Informationen und Medien sowie kindgerechte Information.

 Participation/Beteiligung:

Können Kinder und Jugendliche mitwirken (zum Beispiel bei der Gestaltung der Räumlichkeiten, an der Verteilung von Geldern, …)?

Partizipation ist hier gemeint als Erfahrung, dass es einen Rahmen gibt, in dem ich aushandeln und mitentscheiden kann und auch die Folgen meiner Entscheidung bearbeiten kann (Prof. Wolfgang Schröer, Uni Hildesheim, Dez. 2021). Um Partizipation in einer Organisation leben zu können, braucht es finanzielle und personelle Ressourcen, die strukturelle Verankerung von Beteiligungsformen und Freiräume. Ebenso ist die Bereitschaft von erwachsenen Verantwortlichen erforderlich, Macht abzugeben und sich umfassend mit Beteiligungsmöglichkeiten und Umsetzungsoptionen zu befassen und sich darin fortzubilden.

Protection/Schutz:

Können auch schützende Strukturen in einer Organisation gelebt werden?

Schutz ist hier gemeint als die Erfahrung, dass meine persönlichen Rechte gewahrt werden, ich sie einfordern kann und sie durchgesetzt werden: als Sicherung von Voice-, Choice-, Exit-Optionen (siehe weiter unten).

Hier gilt es, tragfähige Lösungen für das Spannungsfeld von Schutz und Selbstbestimmung zu finden.

Aus diesen Prinzipien resultiert eine:

Kultur der Achtsamkeit

Haltung und Bildung sind unverzichtbare Grundpfeiler im Rechte- und Schutzkonzept. Die Haltungsarbeit mündet in eine Kultur der Achtsamkeit mit verschiedenen Grundpfeilern:[1]

  • eine besondere Kultur der Aufmerksamkeit gegenüber Fehlern und des Umgangs damit
  • eine Beteiligungskultur, die im Alltag fest verankert ist
  • eine erhöhte Sensibilität für organisationale Abläufe
  • eine Haltung, die vereinfachende Erklärungen vermeidet und Ambivalenzen und Widersprüche zulässt
  • die Gewährleistung von höchstpersönlichen Rechten
  • die Gewährleistung von Choice-, Voice- und Exit-Optionen (siehe nächster Absatz)

Mehr zur Kultur der Achtsamkeit finden Sie in den Bausteinen zur Prävention. 

[1] Vgl. Oppermann / Winter / Harder / Wolff / Schröer (Hrsg.): Lehrbuch Schutzkonzepte in pädagogischen Organisationen. Weinheim: Beltz 2018.

Choice, Voice, Exit

Zwischen Erwachsenen und Kindern und Jugendlichen herrscht immer ein Machtgefälle, welches aus einem Gefälle von Wissen und Orientierung resultiert. Rechte- und Schutzkonzepte sind andauernde und kontinuierliche Reflexionsprozesse in Organisationen zur Sicherstellung höchstpersönlicher Rechte („Choice, Voice, Exit“[1]) von Kindern und Jugendlichen.

  • Choice: Junge Menschen sollten immer die Wahl haben, ob sie sich in der aktuellen Situation befinden wollen.
  • Voice: Sie sollten immer das Recht haben, Rechteverletzungen zu äußern und ihre Stimme zu erheben.
  • Exit: Sie müssen aus jeder Situation aussteigen können.

[1] In Anlehnung an: Hirschmann, I. O.: Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Harvard University Press: Cambridge 1970.

[2] Vgl. Oppermann e.a., siehe oben, S. 51.

Literatur- und Materialempfehlungen

BMFSFJ (Hrsg.): Die Rechte der Kinder von Logo! Einfach erklärt. Berlin 2019.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Kinderrechte. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (Falter). Bonn 2018.

FIPP (Fortbildungsinstitut für die pädagogische Praxis): Institutioneller Kinderschutz: Das partizipative Schutzkonzept. Berlin 2021. 

Oppermann / Winter / Harder / Wolff / Schröer (Hrsg.): Lehrbuch Schutzkonzepte in pädagogischen Organisationen. Beltz: Weinheim 2018.

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