Fachtagung – Selbstbestimmt & sicher: Prävention für Kinder und Jugendliche mit Behinderung

Am 2. Juli 2026 von 09:30 bis 16:30 Uhr fand unser Fachtag „Selbstbestimmt & sicher: Prävention für Kinder und Jugendliche mit Behinderung“ im barrierefreien Hotel Franz in Essen statt. Es gab ein buntes Programm mit inspirierenden Grußworten und informativen Vorträgen. Am Nachmittag wurden vier Foren angeboten, in welchen noch einmal praktischere Aspekte der Thematik untersucht wurden.

Durch den Tag begleitet wurden wir in diesem Jahr durch zwei Simultanübersetzerinnen in Leichte Sprache, Anne Leichtfuß und Kirsten Czerner-Nicolas. Hier gibt es ein kleines Interview mit Anne Leichtfuß zu diesem spannenden Beruf.

Anne Leichtfuß, www.leichte-sprache-simultan.de, und Kirsten Czerner-Nicolas

Moderator Pascal Feldmann-Schultheis (PsG.nrw): „Ich kann ganz schnell ‚Kinder und Jugendliche‘ sagen, aber dahinter verbergen sich ja individuelle Menschen, kleine, mittelgroße und große Menschen, die alle unterschiedliche Bedürfnisse, Bedarfe und Fähigkeiten haben. Und auf die müssen wir schauen und daran letztendlich Prävention sexualisierter Gewalt auch anpassen. Das ist uns wichtig zu sagen.

Und weil wir das nicht einfach nur in die Welt posaunen wollen, war es uns wichtig, auch noch mal den Fachtag hier zu setzen, um konkrete Umsetzungs- und Lösungsideen mit an die Hand zu geben: Wie kann es tatsächlich gelingen, Prävention sexualisierter Gewalt für alle Kinder und Jugendlichen umzusetzen?“

Roland Mecklenburg, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW. hieß die Gäste mit einem Grußwort willkommen.

Besonders gefreut haben wir uns, dass Dinah Huerkamp, Referentin der Beauftragten für Kinderschutz und Kinderrechte des Landes NRW Petra Ladenburger, den Anwesenden das neue Amt ausführlich vorstellte:

„Frau Ladenburger wird für die Belange von Kindern und Jugendlichen sensibilisieren und sich dafür einsetzen, dass sie bei allen politischen und gesellschaftlichen Debatten mitgedacht werden. Dabei geht es insbesondere auch um diejenigen, die sonst oft übersehen werden. Es ist unsere Aufgabe, alle Kinder und Jugendlichen zur Beteiligung zu befähigen. Sie darf nicht an Barrieren scheitern – sei es an einer Behinderung, gering ausgeprägten Sprachkenntnissen oder auch sozialen Belastungslagen.

Wir vermitteln daneben Anliegen von Kindern und Jugendlichen, deren Angehörigen und ihrer Interessenvertretungen an geeignete Unterstützungssysteme weiter. Wichtig ist jedoch: Wir leisten keine Einzelfallberatung. Ein weiteres Anliegen von uns ist die Vernetzung von und mit Praxis, Wissenschaft, Politik und Verwaltung. Die Chance eines handlungsfeldübergreifenden Blicks liegt darin, gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden, die viele von uns beschäftigen. Wir werden daneben Maßnahmen und Vorhaben der Landesregierung und des Parlaments begleiten und darauf achten, dass die Interessen von Kindern und Jugendlichen berücksichtigt werden. Im Rahmen unserer Aufgaben werden wir auch Erwachsene, die im Kindes- und Jugendalter Formen von Gewalt erfahren haben, in den Blick nehmen. Wir möchten sie sichtbar machen und mit ihrer Beteiligung schauen, welche Bedarfe und Forderungen sie haben.“

Wir haben auch unsere Referierenden gefragt, welche Botschaften ihnen besonders am Herzen liegen. Hier sind sie:

Prof’in Dr. Heike Wiemert (Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen), Vortrag 1„Wir haben ganz viele Begriffe geprägt. Wir haben den präventiven Kinderschutz, wir haben den intervenierenden Kinderschutz, wir haben den kooperativen Kinderschutz, wir haben den institutionellen Kinderschutz, und jetzt haben wir auch den inklusiven Kinderschutz. (…) Ich glaube, wir haben mittlerweile einen Punkt erreicht, wo wir uns fragen müssen: Bringt uns das im Kinderschutz wirklich weiter, wenn wir uns spezialisieren, sozusagen in diesen unterschiedlichen Kinderschutzverständnissen?  (…) Unsere These, wie eine Gesamtstrategie Inklusiver Kinderschutz zu denken ist, ist Folgende: dass inklusiver Kinderschutz eben diese Perspektiven integrieren muss in ein Gesamtverständnis.

Und deshalb geht es beim Kinderschutz auch nicht mehr nur um Schutz, sondern es geht darum, Schutz durch Teilhabe und Beteiligung zu sichern. Inklusiver Kinderschutz ist keine zusätzliche Säule, sondern eine Leitperspektive, die alle Kinderschutzprozesse durchdringen muss.

Anna Gräser, ProMädchen Mächenhaus Düsseldorf e.V., und Lisa Heizmann, PsG.nrw  (Forum 1: Inklusive Präventionsarbeit – Grundsätze, Haltungen und Einblicke in die Praxis): „Inklusive Präventionsarbeit beginnt mit Haltungsarbeit. In der inklusiven Präventionsarbeit sexualisierter Gewalt braucht es mehr als gute Konzepte: Es braucht einen ehrlichen und kritischen Blick auf bestehende Barrieren, die Bereitschaft zur Selbstreflexion und eine spezifische Wissensbasis zu Risikofaktoren, Täter*innenstrategien und die Heterogenität der Zielgruppe. Ableismuskritische Perspektiven und ein ressourcenorientierter Blick helfen dabei, eigene Annahmen zu hinterfragen und Prävention inklusiv zu gestalten. Die Haltungsarbeit ist also Grundvoraussetzung inklusiver Präventionsarbeit.“

Jens Brörken, Institut für Sexualpädagogik (Forum 2: Sexuelle Bildung inklusiv gestalten): „Ressourcen, Ressourcen, Ressourcen. Die braucht es massiv. Wenn Themen wie Sexualität, sexuelle Selbstbestimmung, sexuelle Bildung, sexualisierte Gewalt kein Tabuthema mehr darstellen, dann wäre präventiv relativ viel gelungen. Zumindest gelingt dann vielleicht ein bisschen mehr als aktuell. Dafür braucht es aber sexuelle Bildung. Menschen, Kids, Jugendliche dabei zu begleiten, dass überhaupt sexuelle Selbstbestimmung gelingen kann. Das ist ein großer Schutzfaktor und das würde ich mir wünschen.“

Bianca Rilinger, 1. Vorsitzende LAG Lokale Medienarbeit NRW e.V. und Leitung Offene Kinder- und Jugendarbeit HOT Porz gGmbH, Forum 3: Digitale Räume schützen – Inklusive Medienarbeit gestalten:

Gelingende Präventionsarbeit vor Ort braucht die Sichtweise aller Kinder und Jugendlichen, die Beteiligung aller Kinder und Jugendlichen, die immer mitgedacht werden müssen. Gerade die Sichtweise von Kindern und Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung. Weil die immer noch sehr außen vor sind. Bei allem, was wir tun, sollten sie wirklich einbezogen werden, gefragt werden, was sie brauchen. Und die Zielgruppe braucht Wissen: Wissen über Gefahren, Wissen über Möglichkeiten, sich zu wehren, wo sie sich Hilfe holen können. Und wenn das gegeben ist, dann glaube ich, kommen wir in Richtung einer gelingenden Präventionsarbeit.“

Jungen und junge Männer mit und ohne Behinderung werden bei der Präventionsarbeit vor sexualisierter Gewalt zu wenig in den Blick genommen. Auch sie benötigen Wissen über Machstrukturen, Grenzüberschreitungen und vor allem darüber, dass auch sie zu verletzten Personen werden können. Demnach benötigen sie Informationen zu Anlaufstellen, bei denen sie Hilfe bekommen können, und Skills, wie sie sich im digitalen Raum schützen können!“

„Insbesondere Jungen und jungen Männern mit kognitiver Beeinträchtigung fehlt es häufig an diversen Männlichkeitsvorbildern, die ihnen Orientierung bei der Identitätsentwicklung bieten. Häufig werden demnach Menschen des öffentlichen Lebens zu ihren Vorbildern. Deshalb ist es unerlässlich, diese Vorbilder zu reflektieren und sie darin zu unterstützen eine eigene Haltung zu Männlichkeit zu entwickeln.

Die Regionalstellen der PsG.nrw in den Regierungsbezirken des Landes luden zur Vernetzung ein. Von links nach rechts: Ralf Holländer (Regierungsbezirk Münster), Anna Hennecke (Regierungsbezirk Arnsberg), Kirsten Schumacher (Regierungsbezirk Düsseldorf).

Wir bedanken uns bei den Referierenden für die starken Worte und bei allen, die da waren, für den so gelungenen Tag!

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