Woran erkenne ich sexuelle Grenzüberschreitungen durch Kinder und Jugendliche?

Kinder und Jugendliche entwickeln ein natürliches Interesse an ihrem Körper und an zwischenmenschlichen Beziehungen. Dabei gibt es altersgerechte Erkundungen, aber auch Situationen, in denen Grenzen überschritten werden. Für pädagogische Fachkräfte und Erziehungspersonen kann es eine Herausforderung sein, einzuschätzen, wann ein Verhalten unbedenklich ist und wann ein Eingreifen erforderlich ist.

Sexuelle Neugier ist ein natürlicher Bestandteil der kindlichen Entwicklung. Kinder erkunden spielerisch ihren Körper und interessieren sich für Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Solche Verhaltensweisen sind entwicklungsbedingt unbedenklich, solange sie freiwillig und im gegenseitigen Einverständnis geschehen.

Im Gegensatz dazu verletzen sexualisierte Grenzüberschreitungen die persönlichen oder körperlichen Grenzen eines anderen Kindes oder Jugendlichen. Sie können verbal, körperlich oder digital erfolgen und reichen von unangemessenen Kommentaren bis hin zu körperlichem Zwang. Unabhängig davon, ob dies bewusst oder unbewusst geschieht, ist eine pädagogische Reaktion erforderlich. Dazu mehr im Abschnitt zur Intervention.

Hinweise für die Unterscheidung zwischen altersangemessenem und grenzüberschreitendem Verhalten nach Altersgruppen

Frühe Kindheit

Unbedenkliches Verhalten:

  • Erkunden des eigenen Körpers und Neugier auf Körperteile anderer Kinder
  • Körperliche Erkundungsspiele und Nacktheit, solange sie freiwillig und ausgeglichen sind
  • Fragen zu Geschlechtsteilen, Schwangerschaft und Geburt

Grenzüberschreitendes Verhalten:

  • Zwang oder Druck, um andere Kinder in intime Spiele einzubeziehen
  • (Wiederholtes) Eindringen in den Intimbereich
  • Nachspielen von sexuellen Handlungen aus Medien oder Umgebung

Grundschulalter

Unbedenkliches Verhalten:

  • Weiteres Erkunden des eigenen Körpers mit zunehmendem Schamgefühl
  • Spielen mit sexuellen Themen in der Fantasie oder in Gesprächen
  • Erste romantische Gefühle für Gleichaltrige

Grenzüberschreitendes Verhalten:

  • Zwanghafte Beschäftigung mit sexuellen Themen
  • Gezieltes Bloßstellen, Entblößen anderer oder wiederholtes Anfassen gegen deren Willen
  • Verbreitung von sexualisierten Inhalten oder Belästigung über digitale Medien

Jugendalter

Unbedenkliches Verhalten:

  • Entwicklung romantischer und sexueller Beziehungen mit Gleichaltrigen
  • Erkundung der eigenen Sexualität, auch in Gesprächen oder über Medien
  • Austausch von Intimitäten im gegenseitigen Einverständnis

Grenzüberschreitendes Verhalten:

  • Sexuelle Nötigung, Erpressung oder Druck zu sexuellen Handlungen
  • Ungefragtes Versenden oder Verbreiten intimer Bilder
  • Sexuelle Belästigung, verbal oder körperlich
  • Manipulation oder Ausnutzung von Machtgefällen in Beziehungen

Die Grenzen der Unterscheidungen und auch der Übergänge in den Altersbereichen sind dabei fließend und bedürfen meist genauerer Betrachtung und Einschätzung.

Unterstützende Leitlinien zur Einschätzung von Situationen und pädagogischer Intervention

Ein sofortiges Eingreifen ist notwendig, wenn ein Kind sichtlich bedrängt wird oder Angst zeigt. Unklare Situationen sollten unterbrochen werden, um sicherzustellen, dass alle Beteiligten freiwillig handeln. Kinder sollten über Körpergrenzen, Privatsphäre und das Recht, „Nein“ zu sagen, aufgeklärt werden. Treten problematische Muster wiederholt auf, sollten Erziehungspersonen und Fachstellen einbezogen werden.

Beobachtung hilft, eine Situation richtig einzuschätzen. Wirken Kinder entspannt oder gibt es Anzeichen von Unwohlsein wie Rückzug oder Zögern? Ist das Verhalten beidseitig freiwillig oder liegt ein Machtgefälle vor?

Ein Machtgefälle zwischen Kindern liegt vor, wenn ein Kind gegenüber einem anderen durch körperliche, soziale, emotionale oder kognitive Überlegenheit eine dominante Position einnimmt und dadurch Kontrolle oder Einfluss ausübt, die/der das andere Kind in seiner Entscheidungsfreiheit einschränkt. Dies kann sich beispielsweise in ungleichen körperlichen Kräften, Altersunterschieden, sozialem Status innerhalb einer Gruppe oder durch einseitige Abhängigkeiten zeigen.

Auch die Reaktion auf Beobachtung ist aufschlussreich – brechen Kinder abrupt ab oder wirken verlegen, könnte ein problematisches Verhalten vorliegen.

Offene Fragen wie „Was macht ihr da?“ oder „Fühlt ihr euch dabei wohl?“ helfen, die Perspektive der Kinder zu verstehen. Wichtig ist, ob sie Grenzen respektieren oder übergehen. Auch ihre Beziehung zueinander sollte berücksichtigt werden – handelt es sich um gleichberechtigte Freund*innen oder gibt es eine dominante Rolle?

Hintergrundinformationen können wertvolle Hinweise liefern. Hat ein Kind Schwierigkeiten, eigene Grenzen zu erkennen? Gibt es Verhaltensmuster, die auf eine tiefere Problematik hinweisen? In solchen Fällen kann eine Rücksprache mit Kolleg*innen oder Fachstellen sinnvoll sein. Falls das Verhalten weiterhin besorgniserregend bleibt, sollte spezialisierte Fachberatung nach Möglichkeit in Absprache mit den Erziehungsberechtigten hinzugezogen werden.

Bei Jugendlichen ist die Einschätzung oft komplexer, da Sexualität ein besonders relevanter Part ihrer aktuellen Entwicklung ist. Machtungleichgewichte, fehlende Zustimmung oder sozialer Druck sind jedoch Warnsignale. Wenn eine Person unter Druck gesetzt wird oder sich nicht frei entscheiden kann, sollte unbedingt eingegriffen werden. Das gilt auch für digitale Übergriffe, wie das unerlaubte Verbreiten intimer Bilder.

Ein sofortiges Eingreifen ist notwendig, wenn jemand bedrängt oder festgehalten wird oder wenn sexuelle Handlungen gegen den Willen einer Person geschehen. Bei weniger eindeutigen Situationen kann ein Gesprächsangebot helfen, Unsicherheiten zu klären. Einvernehmliche Erkundungen in einem geschützten Rahmen erfordern meist keine Intervention. Mehr zum Vorgehen in den Abschnitten zur Gesprächsführung und zur Intervention.

Fazit

Die Grenze zwischen altersgerechter sexueller Neugier und einer sexualisierten Grenzüberschreitung ist nicht immer leicht zu ziehen. Entscheidende Faktoren sind, ob das Verhalten einvernehmlich und freiwillig geschieht oder ob Zwang, Machtgefälle oder Manipulation im Spiel sind. Pädagogische Fachkräfte und Erziehungspersonen sollten Kindern und Jugendlichen sichere Räume bieten, in denen sie lernen, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und die Grenzen anderer zu respektieren. Frühzeitige Angebote zu Sensibilisierung und Information können helfen, grenzverletzende Verhaltensweisen wahrzunehmen, als solche zu benennen und zu bearbeiten.

Literatur

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Amyna e.V. (Hrsg.): Sexuelle Grenzüberschreitungen durch Kinder. Erkennen, Ergreifen, Vorbeugen, München, 1. Auflage, 2021, 5,00 € zzgl. Versandkosten, amyna.de

Berner; P. Briken; G. Romer; A. Spehr (Hrsg.), Briken et. al.: Sexuell grenzverletzende Kinder und Jugendliche. Pabst Science Publishers, Lengerich, 1. Auflage, 2010, 356 Seiten, Print 35 €; E-Book 27,99 €, 978-3-89967-541-2.

Deutsches Jugendinstitut e.V. (Hrsg.), P. Mosser: Sexuell grenzverletztende Kinder und Jugendliche. Praxisansätze und ihre empirischen Grundlagen, München, 1. Auflage, 2012, 115 Seiten, kostenlos, ISBN: 978-3-86379-067-7, dji.de, www.dji.de/.

Katholische Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW e.V. (Hrsg.), R. Laudage-Kleeberg (Red.): Thema Jugend. GRENZWERTIG, Münster, Heft 1, 2013, 24 Seiten, Print: kostenlos zzgl Versandkosten; Download kostenlos, ISSN: 0935-8935, thema-jugend.de, http://www.thema-jugend.de/publikationen/zeitschrift-thema-jugend/.

Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (Hrsg.): GRENZGEBIETE. Sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen/Eine Arbeitshilfe, 1. Auflage, 2017, 80 Seiten, Print 7,00 €, jugenschutz-materialien.de, jugendschutz-materialien.de/.

Strohhalm e.V. Fachstelle für Prävention von sexualisierter Gewalt an Mädchen* und Jungen* (Hrsg.), D. Riedel-Breidenstein; M. van Os: Sexuelle Übergriffe unter Kindern – von der Einschulung bis zur Pubertät. Praxisleitfaden für Grundschulen und pädagogische Einrichtungen, Berlin, 2. Auflage, 2016, 76 Seiten, 7,00 € zzgl. Versandkosten, www.strohhalm-ev.de

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